Al Gore - Wege zum Gleichgewicht - Ein Marshallplan für die Erde -
in Zusammenfassung

(kleine Anmerkung : das Buch zu lesen lohnt sich in jedem Fall, es hat an Aktualität leider nicht verloren)

"Ich bin überzeugt, dass das ökologische Gleichgewicht der Erde von mehr abhängt als nur von unserer Fähigkeit, einen Ausgleich wiederherzustellen zwischen dem gewaltigen Hunger der Zivilisation nach Ressourcen und dem zerbrechlichen Gleichgewicht der Erde. Es hängt auch von mehr ab als von unserer Fähigkeit, ein Gleichgewicht wiederherzustellen zwischen uns selbst als Individuum und der Zivilisation. Letztendlich müssen wir ein Gleichgewicht in uns selbst zwischen dem, war wir sind, und dem, was wir tun, wiederfinden. Jeder einzelne von uns muss mehr persönliche Verantwortung für die sterbende Umwelt übernehmen. Jeder einzelne von uns muss das gewohnte Denken und Handeln einer kritischen Prüfung unterziehen, die diese schwere Krise wiederspiegeln und zu ihr geführt haben."
"Je gründlicher ich versuche, die Wurzeln für die globale Umweltkrise zu erforschen, um so mehr bin ich überzeugt, dass es sich um eine äussere Manifestation einer inneren Krise handelt, die ich, in Ermangelung eines besseres Wortes als "geistige Krise" bezeichnen möchte. Als Politiker weiss ich sehr wohl, dass das Wort "geistig" als Erklärung für ein solches Problem besondere Schwierigkeiten mit sich bringt. Aber welches andere Wort könnte die Gesamtheit von Werten und Überzeugungen beschreiben, die unser grundsätzliches Verständnis für unseren Platz im Universum bestimmen?"
"Diese Änderungen in meinem Leben machen mich immer ungeduldiger gegenüber den herkömmlichen Weisheiten und der trägen Annahme, dass wir uns schon irgendwie durchwursteln werden. Diese Selbstgefälligkeit hat dazu geführt, dass viele Probleme gären und anwachsen konnten, aber heute, angesichts des Umweltsterbens, droht mit dieser Haltung die absolute Katastrophe. Heute kann es sich niemand mehr leisten zu glauben, die Welt werde diese Probleme schon irgendwie lösen. Wir alle müssen bei dem Versuch, unsere Zivilisation grundlegend zu verändern, zusammenarbeiten. Aber ich bin zutiefst davon überzeugt, dass eine wirkliche Veränderung nur möglich ist, wenn sie in der Person selbst beginnt. Mahatma Gandhi hat es treffend ausgedrückt: "Wir selbst müssen die Veränderungen sein, die wir in der Welt sehen wollen."
"Der Mensch ist nun die bestimmende Grösse im ökologischen Gesamtsystem. Und doch weigern wir uns, diese Tatsache anzuerkennen und können uns nur schwer vorstellen, dass der Einfluss des Menschen auf die Umwelt so gewaltig ist wie die Anziehungskraft des Mondes oder die Wirkung des Windes auf die Berge. Wenn der Mensch selbst eine so grundlegende Beziehung wie die zwischen Erde und Sonne zu beeinflussen vermag, dann muss er gewiss auch Verantwortung übernehmen und seine Macht weise und massvoll einsetzen. Bisher scheint er jedoch die Anfälligkeit des natürlichen Ökosystems ignoriert zu haben."
"Die grosse Gefahr für unsere Umwelt besteht nicht in der globalen Bedrohung selbst, sondern in unserer Wahrnehmung dieser Bedrohung, denn die meisten Menschen wollen den Ernst der Lage nicht wahrhaben. Natürlich gibt es gerade bei komplexen Fragestellungen viele Unklarheiten und offene Frage n, die sorgfältig erörtert werden müssen. Aber es ist oft allzu leicht, diesen Unklarheiten zuviel Gewicht zu geben und das Problem durch ein Zuviel an Forschung zu verwässern, wie es viele gerne tun, um unbequeme Schlussfolgerungen zu vermeiden. Andere wiederum sind zutiefst bestürzt darüber, dass es trotz aller Studien und Forschungen über die Umweltkrise noch so viele Unbekannte gibt.
"Doch Handeln durch Forschung zu ersetzen, ist unvertretbar. Diejenigen, die argumentieren, erst auf der Grundlage umfassender Ergebnisse handeln zu können, versuchen lediglich, sich ihrer Verantwortung zu entziehen. Wer angesichts der immer schwerer werdenden Last der Beweise Untätigkeit zum Handlungsprinzip erhebt, spricht sich für die Fortschreibung und Verschärfung der Umweltzerstörung aus, die uns bereits an den Rand des Abgrundes geführt hat." (...) "Das Beharren der Skeptiker auf vollständige Gewissheit über jeden Aspekt des Treibhauseffektes - die grösste Gefahr, der die Menschheit jemals gegenüberstand - stellt einen Versuch dar, schreckliche Wahrheiten zu leugnen und unbequeme Konsequenzen zu umgehen. Aber wir können nicht warten, bis die letzten Unklarheiten beseitigt sind und die letzten Aspekte der Krise wissenschaftlich erforscht sind. Wir müssen mit Entschlossenheit und Mut handeln und unverzüglich drastische Gegenmassnahmen einleiten, auch wenn noch Unklarheiten bestehen."
"Wie aber kann man die Lähmung, die von den Skeptikern ausgeht, überwinden? Zunächst einmal müssen wir erkennen, dass unser Blickwinkel räumlich und zeitlich eingeschränkt ist. Wir sind es gewohnt, Veränderungen über sehr kurze Zeiträume zu betrachten - eine Woche, einen Monat, ein Jahr, und vielleicht sogar ein Jahrhundert, wenn wir einmal weit ausholen wollen. Daher ist eine Veränderung, die sich im Rahmen der Erdgeschichte sehr rasch vollzieht, ein ganz allmählicher Prozess, wen man ihn an der Lebenszeit eines Menschen misst. Es bedarf eines gedanklichen Sprungs, einen Prozess der Umweltveränderung in dem Masse zu beschleunigen oder zu verlangsamen, dass wir fähig sind, ihn in einem vertrauteren Rahmen zu sehen und seine Bedeutung zu verstehen."
"Da jeder Mensch auf der Welt zur Verschmutzung der Atmosphäre beiträgt, ist ein wirksames Vorgehen schwer zu organisieren. Andererseits müssen auch alle Menschen unter den Folgen leiden, und daher ist ein wirksames Vorgehen lebensnotwendig und sollte machbar sein - sobald die globalen Zusammenhänge einmal anerkannt sind. (...) Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass diese Gefahren (Luftverschmutzungen, die Red.) höchstwahrscheinlich niemandem unmittelbaren persönlichen Schaden zufügen und deshalb oft für harmlos gehalten werden. Dennoch sind es vermutlich gerade diese Veränderungen, die das ökologische Gleichgewicht der Erde am schwersten und nachhaltigsten schädigen."
"Wenn künftige Generationen sich fragen, wie wir in stiller Komplizenschaft mit der kollektiven Zerstörung der Erde unserer täglichen Arbeit nachgehen konnten, werden wir (...) behaupten, dass wir von diesen Dingen nichts bemerkten, weil wir moralisch schliefen? (...) Ich bin zur Überzeugung gelangt, dass wir einen kühnen und unzweideutigen Schritt tun müssen: Es gilt, die Rettung der Umwelt zum zentralen Organisationsprinzip unserer Zivilisation zu machen. Ob wir es nun einsehen oder nicht, wir befinden uns in einem grossen Kampf um das verlorene Gleichgewicht unserer Erde, in dem sich das Blatt nur dann zu unseren Gunsten wenden wird, wenn die Mehrzahl der Menschen dieser Welt durch die drohende Gefahr aufgerüttelt wird und ihre Kräfte in gemeinsamer Anstrengung vereint. Es ist Zeit, sich darüber klar zu werden, wie dies konkret zu erreichen ist.
Vorschläge zur nachhaltigen Entwicklung
Wenn eine nachhaltige Entwicklung praktikabel sein soll, müssen wir also ganz offensichtlich unsere Haltung zur Wirtschaftspolitik verändern.
• Die Definition des Bruttosozialprodukts sollte so verändert werden, dass sie auch umweltrelevante Kosten und Nutzen einschliesst.
• Die Definition von Produktivität sollte so geändert werden, dass sich darin Berechnungen des Fort- oder Rückschritts in Umweltfragen wiederfinden.
• Die Regierungen sollte sich auf die Abschaffung ungerechtfertigter Abschreibungsmethoden einigen und bessere Wege finden, um die Auswirkungen unserer Entscheidungen auf zukünftige Generationen quantitativ zu erfassen.
• Die Regierungen sollten staatliche Ausgaben abschaffen, mit denen umweltgefährdende Tätigkeiten subventioniert oder gefördert werden.
• Die Regierungen sollten für mehr und genauere Informationen über die Umweltverträglichkeit von Produkten sorgen und diese Informationen an die Verbraucher weitergeben.
• Die Regierungen sollten Massnahmen ergreifen, um die umfassende Aufklärung über die Verantwortung der Firmen für die Umweltschäden zu fördern.
• Die Regierungen sollten verlangen, dass Standards des Umweltschutzes in Verträge und internationale Vereinbarungen einschliesslich des Handelsabkommen aufgenommen werden.
• Aspekte der Umwelt sollten unter die Kriterien aufgenommen werden, nach denen die internationalen Finanzinstitutionen Anträge auf Entwicklungsgelder begutachten.
• Die Regierungen sollte sich stärker des Austausches "Schulden gegen Natur" bedienen, um Verantwortung für die Umwelt als Gegenleistung für Schuldenerlass zu fördern.
Ein Marshallplan für die Erde
1. Die Stabilisierung der Weltbevölkerung.
2. Die schnelle Schaffung und Entwicklung ökologisch angepasster Technologien, die einen nachhaltigen, wirtschaftlichen Fortschritt ermöglichen, ohne gleichzeitig die Umwelt zu zerstören. Dies besonders auf den Gebieten Energieproduktion, Verkehr, Landwirtschaft, Bauwesen und Industrie.
3. Eine umfassende, allgemeingültige Veränderung der wirtschaftlichen Spielregeln, mit der wir die Auswirkungen unserer Entscheidungen auf die Umwelt messen können.
4. Die Aushandlung und Verabschiedung einer neuen Generation internationaler Abkommen: gesetzliche Rahmenbedingungen, zielgerichtete Verbote, Vollzugsmechanismen, kooperative Planung, gemeinsame Übereinkünfte, Anreize, Strafen und gegenseitige Verpflichtungen, die nötig sind, damit der ganze Plan gelingt.
5. Der Aufbau eines kooperativen Bildungsplans für die Aufklärung der Weltbevölkerung über die globale Umwelt.
"Das ist vielleicht die schwierigste und zugleich die wichtigste Herausforderung, vor der wir stehen. Wenn sich ein neues Denken über die Natur entwickelt, werden alle anderen erforderlichen Massnahmen leichter durchsetzbar sein - genau wie eine neue neue Denkweise über den Kommunismus in Osteuropa alle Schritte zur Demokratie möglich machte, die noch ein paar Monate zuvor "undenkbar" erschienen. Und tatsächlich sollte sich die Vorstellung von den Veränderungen, nach der wir unserer Strategie planen und durchführen, auf die Annahme gründen, dass es eine Schwelle gibt, die wir überschreiten müssen. Solange das nicht geschehen ist, werden kaum Veränderungen deutlich und offenkundig werden. Aber wenn sie erreicht ist, werden die Wandlungen plötzlich und tiefgreifend sein."